Edith Stein: Du senkst voll Liebe Deinen Blick in meinen
Das Lied „Du senkst voll Liebe Deinen Blick in meinen“ verwendet Strophen eines Gedichts, das die heilige Edith Stein (Ordensnamen Teresia Benedicta vom Kreuz) zum Fronleichnamsfest, dem 16. Juni 1938, unter dem Titel „Ich bleibe bei euch“ verfasst hat. Das ganze Gedicht umfasst 20 Strophen (siehe ESGA 20, S. 179-182), die online auf der Seite https://www.edith-stein.eu/portfolio/gebete-von-edith-stein/ wiedergegeben sind.
Wie es der Anlass vorgibt, handelt es sich um ein eucharistisches Gedicht. Sein Thema ist also das, was die katholische Kirche an Fronleichnam, dem Fest des „Leibes Christi“, feiert: die Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie. Die Autorin hat durchaus das sichtbarste Element des Fronleichnamsfests vor Augen, das „stille weiße Rund“ der Hostie (in der 11. Strophe). Dennoch fehlt nicht der Blick auf das eucharistische Mahl als „Trank und Speise“ (15. Strophe des Gedichts bzw. 3. Strophe der vertonten Kurzfassung), womit sie die spätere Umbenennung des Festes als „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“ inhaltlich vorwegnimmt.
Innerhalb des Gedichts, das sich an den in der Eucharistie gegenwärtigen Christus richtet, zeigt in sich eine deutliche thematische Entwicklung:
Die ersten (ungefähr) zwölf Strophen erscheinen als eine Art Glaubensbekenntnis mit fast dogmatischen Aussagen; in ihnen ist die Rede von der heilsgeschichtlichen Beziehung zwischen „uns“ und Christus. Dementsprechend macht die Autorin von traditionellem religiösem Vokabular reichlichen Gebrauch („Dreifaltigkeit“, „heilig“, „selig“, „Gottheit“ usw.).
Die darauf folgenden Strophen (die der Vertonung zugrunde liegen) sind im Vergleich dazu persönlicher, ja intimer. Die Autorin thematisiert darin näher ihre persönliche Begegnung mit Christus; sie vermeidet dabei fast völlig eine spezifisch religiöse Sprache (nicht einmal Gott oder Jesus werden explizit genannt), sondern verwendet in diesem mystischen Text tiefe, menschliche Umschreibungen und Metaphern, die vom Vokabular her auch Menschen zugänglich sind, die in christlicher Tradition nicht beheimatet sind.
Es wäre allerdings ein Anachronismus, von einem Text der 30er Jahre nach einer gemeindetheologischen Grundlage zu suchen; die Kirche als Leib Christi kommt Edith Stein hier nicht in den Blick (oder höchstens andeutungsweise in der vorletzten Strophe).
Für die Verwendung in Liturgie und Andacht (z. B. als Kommuniongesang oder in einer eucharitischen Anbetung) habe ich mir erlaubt, den Anfang der 3. (ursprünglich 15.) Strophe („Du kommst als Frühmahl zu mir jeden Morgen“) zu ändern, da der Kommunionempfang am frühen Morgen, vor der ersten Mahlzeit, nicht mehr allgemeine Praxis ist. Dies ist aber im Notenblatt der Vertonung auch vermerkt.
Download: Liedblatt „Du senkst voll Liebe Deinen Blick in meinen“ (PDF-Datei)
Falls Sie dieses Lied für andere als rein private Zwecke verwenden, würde ich mich über eine kurze Rückmeldung freuen (Adresse siehe Impressum).
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass die Bistümer Mainz und Speyer dieses Lied (ohne die letzten beiden Strophen) mit einer Melodie von Jutta Bitsch (Münster) in ihren Diözesanhängen des „Gotteslob“ veröffentlicht haben.